Es gab nie eine Anklage, also gibt es keinen Freispruch

Über karmische Schwarzarbeit: die unbezahlte Arbeit, die Töchter für ihre Familien leisten. Ist das vielleicht der Grund, warum du dich leer fühlst, obwohl äußerlich eigentlich alles stimmt?

Ich kenne die Warteschleifenmusik unserer Bank, der Pensionsversicherung und vieler Behörden auswendig. Das Pensum, das ich hier reinstecke ist dabei gar nicht für mich selbst, sondern für meinen Eltern.

Es geht um Formulare, die immer wieder ausgefüllt werden müssen, um Fristen, die ablaufen und um Rückrufe, die zugesagt und nicht geleistet werden. Ich regle das, wie immer und rufe hinterher noch zweimal selbst an.

Ich bin aber kein Einzelkind und habe Geschwister. Niemand gab es eine Entscheidung oder eine Übereinkunft darüber, dass ich all das für die Familie mache. Es gab kein Gespräch darüber oder eine Aufteilung am Küchentisch. Es lag einfach an mir, so wie es immer an mir lag, seit ich alt genug war, um ein Behördenschreiben das erste mal vorzulesen oder für Dolmetschertätigkeiten einfach dorthin ging, wo Hilfe gebraucht war.

Im letzten Fall ging es um einen Kredit. Ich solle doch bei mehreren Banken die Konditionen anfragen und dann vergleichen. Das bedeutet, mehr Termine machen, mehr Unterlagen sammeln, mehr Angebote nebeneinanderlegen und alles gegenrechnen. Es wird nicht als Bitte formuliert, sondern als naheliegende Idee, so wie man jemandem sagt, er möge im Vorbeigehen das Licht ausmachen.

Bedankt hat sich dafür bisher noch nie jemand. Es bedankt sich niemand, weil niemand etwas sieht, wofür man sich bedanken könnte. Ein Telefonat ist ja nichts. Ein Formular oder stundenlang am Telefon in der Warteschleife zu hängen ist einfach gar nichts wert, das ist doch keine “Arbeit”.

Es geht hier aber nicht um das “Telefonat” oder Papierkram.

Die Sache, für die es kein Verfahren gibt

Wenn dir jemand etwas nimmt, gibt es dafür einen bestimmten, geregelten Vorgang. Zum Beispiel eine Anzeige, Verfahren oder Urteil und wenn du zu Unrecht beschuldigt wurdest, gibt es einen Freispruch. Das ist der Grund, warum Menschen Prozesse führen, die sie finanziell nie einbringen. Sie wollen den Satz hören.

Für das, was dir passiert ist, gibt es diesen Vorgang aber gar nicht. Sowas existiert nicht. Auf so eine Idee kommt man nicht einmal.

Niemand hat dich je angeklagt, also es wurde nie ausgesprochen, dass du für etwas oder jemanden zuständig bist. Es hat auch niemand behauptet, du seist weniger wert, jedenfalls nicht in einem Satz, den man zitieren könnte. Es wurde nur nie etwas gezählt oder es gab nur nie etwas, das “zählt”. Du hast dreißig Jahre lang gearbeitet und nie eine Rechnung gestellt, weil dir niemand gesagt hat, dass das, was du da tust, “Arbeit” ist.

Und deshalb gibt es auch keinen Freispruch von dieser Sache. Es gab ja nie eine Anklage…

Das ist die Falle, in der du sitzt und sagt so viel über deine diffusen Emotionen und Selbstzweifel aus. Deine Würde wurde beschädigt, ohne dass ein Verfahren stattgefunden hätte und du lebst in einem Rechtssystem, das für die Wiederherstellung von Würde überhaupt keinen Akt kennt. Im deutschen und österreichischen Recht verjähren Einträge, Fristen laufen ab und Beschränkungen fallen weg. Kein Gericht spricht aus, dass deine Ehre hiermit wiederhergestellt sei. Es gibt keinen Moment oder eine Urkunde oder Zeremonie dafür.

Jetzt möchte ich den Blick darauf erweitern, weil ich einen zusätzlichen Zugang zu diesem Thema habe. Manche wissen es vielleicht nicht, aber bevor ich Soziologie studiert habe, hatte ich mich für die Rechtswissenschaften entschieden und habe ein paar Semester in Jura studiert. Nun, was ich aus dem türkischen bzw. dem alt-osmanischen Recht kenne, gibt dem Individuum genau das, was wir brauchen, die “İade-i itibar”.

İade-i itibar, kodifiziert im türkischen Recht (Adli Sicil Kanunu, Artikel 13/A), ist das, was wir alle bräuchten. Ein förmlicher gerichtlicher Akt, der einer Person ihre rechtliche “İtibar” zurückgibt, also ihre Würde. Das Wort bedeutet Ansehen und im ursprünglichen Sinn auch Kreditwürdigkeit.

Europa bestraft den Täter, ob mit Freiheitsstrafe oder Geldstrafe oder Sozialstunden, während das Opfer höchstes eine Form von Schmerzensgeld oder eine materielle Entschädigung bekommt, wenn überhaupt. Das osmanisch-islamische Recht aber stellt quasi das Opfer wieder her und versucht, auch das Opfer zu “reaparieren”. Das sind zwei völlig verschiedene Vorstellungen davon, was Würde, vor allem das, was wir aus den Menschenrechten kennen “Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Ohne diese Reparatur ist das nur ein Fall, wo das Opfer beschädigt werden kann, ohne dass jemand verpflichtet wäre, ihn zu reparieren. Im anderen Fall ist es ein Recht, das genommen und förmlich zurückgegeben werden kann.

Ich komme darauf zurück. Vorher muss aber klar sein, worum es überhaupt geht.

Woran du es erkennst

Du bist die SOS-Hotline der Familie, der Laufbursche für alles und die Pflegerin. Du kennst dich zwangsweise gut aus mit der Bank, den Ämtern, Ärzten, oder Anwälten, für Leute, die das eigentlich auch selbst könnten.

Du merkst, wie die Stimmung im Raum kippt, bevor jemand etwas gesagt hat und du fängst an wie eine Mediatorin alles sofort zu regulieren, bevor du überhaupt entschieden hast, ob du das willst.

Du sagst zu, obwohl du beim Zusagen schon weißt, dass es zu viel ist und du hältst es dann trotzdem.

Du bist die Erste in deiner Familie, die therapeutisch gearbeitet hat und du hast dabei schnell gemerkt, dass du nicht nur an deinem eigenen Zeug sitzt.

Konflikte, die andere nicht aushalten, landen bei dir, weil du sie aushältst und dich nie wirklich beschwerst.

Man nennt dich stark und selbständig. Und wenn man das tut, zieht sich in dir etwas zusammen, das du nicht erklären kannst.

Aber das muss nicht unbedingt sein, denn vielleicht bist du auch die andere Sorte. Also die, die früh gegangen ist, kaum Kontakt zur Familie hat, ein Leben in einer anderen Stadt oder einem anderen Land führt fern von Familie, ohne Ehemann oder Kinder und von außen gesehen, also offiziell zuständig für niemanden. Und trotzdem denkst du an die Geburtstage, machst dir nachts Sorgen um Leute, die dich nie anrufen und springst sofort ein, wenn es ernst wird. Du wirst dafür für kalt gehalten und du arbeitest trotzdem weiter, aber eben nur aus größerer Entfernung.

Beide Sorten haben dasselbe Symptom. Es fehlt etwas und es lässt sich nicht benennen.

Die Erklärung, die dir angeboten wird

Weil dieses Gefühl immer zuerst da ist und kein Wort dafür existiert, greift man nach dem, was herumliegt. Für Frauen hat die Gesellschaft prompt drei Erklärungen bereit, das fast schon zu klischeehaft ist.

Dir fehlt ein Mann, dir fehlt ein Kind oder dir fehlt die richtige Beziehung.

Ich lese seit neun Jahren karmische Geburtshoroskope, es sind bereits über dreitausend und ich kann dir sagen, dass diese Erklärung nicht stimmt. Frauen mit Mann, Kind und funktionierender Beziehung sitzen mit demselben Loch vor mir. Wenn es an diesen drei Dingen läge, hätte es sich dieses nie satt werdende schwarze Loch bereits geschlossen. Es schließt sich nicht, es verschiebt sich nur und dann gilt die Frau, die alles hat, als undankbar und hält sich irgendwann selbst dafür. Die Scham darüber kommt als Bonus obendrauf.

Eine meiner Kundinnen über 50 hat mir einmal gesagt, sie fühle sich als Frau unvollständig, weil sie nie Mutter geworden ist. Sie schilderte, dass sie kaum Kontakt zu ihrer Familie hat, dass sie regelmäßig krank wird, sobald sie beruflich vorankommt und dass sie gerne Heilung in ihre Ahnenlinie bringen würde, damit die Ahnen sie vielleicht unterstützen.

Lies den letzten Teil noch einmal. Sie bietet auch für die Vergangenheit der Ahnen Vorleistung an. Für ein System, das bei ihr in der Schuld steht, in der Hoffnung, dass danach etwas zurückkommt, wenn sie zunächst darin investiert…

So verhandelt nur jemand, dem nie gesagt wurde, dass ihm etwas einfach so zusteht.

Wenn die Würde des Menschen unantastbar ist, dann sollte sie unbezahlbar sein bzw. sollte es ohne Transaktionen einfach selbstverständlich sein. Das macht ja die Asrologie wieder so interessant. Der Planet der Liebe ist gleichzeitig der Planet des Geldes und es geht dabei immer um eine Form der Transaktion und “Wert”.

Karmische Schwarzarbeit

Die feministische Ökonomie hat seit den 70ern mühsam durchgesetzt, dass Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege ebenfalls als Arbeit gelten, genauso wie das, was außerhalb der Wohnung geleistet wird. Es hat ne Weile gedauert, weil unbezahlte Tätigkeiten in keiner volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftauchen. Was nicht in den Büchern steht - zumindest nichts in der Buchhaltung verloren hat - gilt als Liebe. Liebe wird gelobt und nicht bezahlt.

Daher finde ich, es gibt eine weitere Sorte unbezahlter Arbeit, für die bis heute kein Begriff existiert.

  • Du bist die, bei der die Familie zusammenläuft. Wer redet gerade nicht mit wem, wer wird zu Weihnachten wo untergebracht oder wer muss vorher angerufen werden, damit es keinen Streit gibt, du weißt Bescheid und bis die Krisenmanagerin.

  • In jeder Familie gibt es eine Vorgeschichte zu allem. Der Vater war streng, aber gerecht. Die Mutter hat sich für alle aufgeopfert. Damals war das eben so. Doch du weißt, was tatsächlich passiert ist und sprichst es irgendwann oder sogar immer wieder aus. Dafür giltst du als die, die alte Geschichten aufwärmt und immer wieder serviert und dafür bist du das schwarze Schaf.

  • Es gibt Themen, über die nicht geredet wird. Die Alkoholprobleme deiner Mutter, die Affäre deines Vaters, das Geld und die Firma, die fast über Nacht verschwunden sind... Alle wissen davon, aber niemand sagt etwas und beschlossen hat dieses Schweigen nie jemand.

  • Wenn jemand stirbt, funktionieren nach zwei Wochen wieder alle. Du gehst Monate später noch die Kisten durch und stellst Fragen, die niemand beantworten will.

  • Du rufst deine Mutter an, bevor sie deinen Bruder anruft, damit die Sache nicht eskaliert.

  • Und du bist die Erste in dieser Familie, die sich hingesetzt und die Sache angeschaut hat.

Diese Arbeit machen hauptsächlich Töchter, also Frauen.

Ich nenne sie karmische Schwarzarbeit. Sie wird geleistet, weil sie unbedingt gebraucht wird, aber niemand darf davon erfahren und Buch führen.

Karmische Schwarzarbeit ist die Arbeit, ein Familiensystem zusammenzuhalten und seine Muster zu beenden. Sie wird fast ausschließlich von Töchtern geleistet, steht in keinem Lebenslauf und in keiner Bilanz und sie wird ihnen als Charaktereigenschaft angerechnet statt als echte Leistung.

Und weil es kein Wort für diese Arbeit gibt, wird sie zu etwas anderem erklärt und zwar wird sie dir als Wesenszug angerechnet.Du hörst das seit Jahren, meistens freundlich gemeint. “Auf dich ist eben Verlass”. “Du kannst das einfach (besser als deine Geschwister")”.

Du warst schon immer diejenige, die Verantwortung übernommen hat, aber deine Schwester war halt das Chaos und nicht verantwortungsbewusst wie du.

Das klingt wie ein Kompliment und funktioniert wie eine Zuteilung. Wer etwas kann, weil er eben so ist, hat sich dafür nicht angestrengt. Und wo sich niemand anstrengt, muss auch niemand etwas dafür geben. Für Talent bedankt man sich nicht, man freut sich, dass es da ist.

So werden aus dreißig Jahren Arbeit ein paar Adjektive, und die kosten die Familie nichts.Und hier ist die Verbindung zu deiner Leere. Sie kommt nicht daher, dass dir jemand fehlt. Sie kommt daher, dass du seit Jahrzehnten etwas tust, das niemand als Tun erkennt. Du arbeitest, und die Arbeit kommt nirgends an.

Das ist mehr als Parentifizierung und etwas anderes als eine Mutter- oder Vaterwunde. Beide beschreiben, was man dir als Kind angetan hat. Hier geht es um das, was du bis heute lieferst.

Eine Wunde kann heilen, aber eine Zuständigkeit läuft weiter, auch wenn du sie längst durchschaut hast und sie endet auch nicht mit dem Tod deiner Eltern. Sie zieht mit in deinen Beruf, in deine Freundschaften und in deine Beziehungen, weil sie nie an eine bestimmte Person gebunden war.

Warum deine Mutter dir nichts gegeben hat

Ich bin nicht wegen meiner Kindheit in Therapie gegangen. Ich bin hingegangen, weil ich meine Mutter mit meiner Tochter erlebt habe.

Sie war liebevoll. Sie war geduldig. Sie hat zugehört und nichts kommentiert und über Dinge gelacht, über die man lachen soll. Sie hatte all das, wovon ich als Kind kein Gramm abbekommen habe, und sie hatte es offenbar die ganze Zeit besessen.

Der Streit, der daraus wurde, war einer der größten meines Lebens, und danach war ich ziemlich sicher, verrückt oder undankbar zu sein oder beides. Man beschwert sich ja nicht darüber, dass die eigene Mutter das eigene Kind liebt.

An dieser Stelle kommt in den meisten Büchern der Absatz, in dem die Mutter angeklagt wird. Den überspringe ich, weil er nicht stimmt.

Deine Mutter hat dieselbe Arbeit gemacht. Für ihre Eltern, für ihre Geschwister, für ihren Mann, und je nachdem, wo sie herkommt, für ein ganzes Dorf. Ihre Mutter auch. Bezahlt wurde keine, anerkannt wurde keine.

Niemand kann einen Rang vergeben, den er selbst nie besessen hat. Deine Mutter konnte dir nicht bestätigen, dass deine Arbeit Arbeit ist, weil derselbe Satz über ihre eigene gegolten hätte, und dieser Satz hätte ihr Leben aufgemacht. Also hat sie weitergegeben, was ihr gesagt wurde. Du bist eben so. Stell dich nicht an. Andere haben es schwerer.

Das ist der Punkt, an dem die meisten Frauen aufhören, wütend auf ihre Mutter zu sein, und anfangen, wütend auf etwas anderes zu werden. Die Frage ist, auf was.

Das Amt, das es einmal gab

Diese Arbeit war nicht immer unsichtbar. Sie war einmal eine Zuständigkeit, und sie war weiblich besetzt.

Im Samkhya, dem ältesten der sechs orthodoxen indischen Systeme und der Grundlage von Yoga und der gesamten Karmalehre, gibt es zwei Prinzipien. Purusha ist reines Bewusstsein, männlich, und tut nichts. Es sieht zu. Prakriti ist die Natur, weiblich, und sie tut alles. Jede Handlung, jede Verstrickung, jede Folge findet in Prakriti statt. Karma bedeutet Handlung. Handlung ist weiblich, und der männliche Pol ist der unbeteiligte Zuschauer.

Im Westen dasselbe Bild mit mehr Personal. Die Moiren spinnen den Faden und schneiden ihn ab. Ananke ist die Notwendigkeit, der auch die Götter unterliegen. Themis ist die Ordnung, Dike das Recht, Nemesis die Vollstreckung. Bei den Germanen sitzen die Nornen an der Wurzel des Weltenbaums.

Und dann gibt es die Erinyen, zuständig für Blutschuld innerhalb der Familie, also für genau das, was ich in meiner Arbeit karmische Familienmuster nenne. Sie verfolgen den Täter, sie geben keine Ruhe, sie sind unbestechlich, sie sind älter als die olympischen Götter, und sie sind Frauen.

In keinem dieser Systeme ist ein männlicher Gott für Ursache und Wirkung zuständig. Die Männer regieren. Die Frauen vollziehen.

Der Tag, an dem die Stelle gestrichen wurde

Aischylos, Orestie, 458 vor Christus. Ein Stück, das im Deutschunterricht gelesen wird.

Orest hat seine Mutter getötet. Die Erinyen verfolgen ihn, wie es das alte Recht vorsieht, denn Muttermord ist Blutschuld. Statt dass Orest büßt, wird etwas Neues eingerichtet: ein Gerichtshof.

Vor diesem Gerichtshof argumentiert Apollon, die Mutter sei gar nicht die Erzeugerin des Kindes, sondern das Gefäß, in dem der Same des Vaters wächst. Als Beweis führt er Athene an, die aus dem Kopf ihres Vaters geboren wurde und keine Mutter hat.

Athene gibt die entscheidende Stimme. Für Orest.

Die Erinyen werden umbenannt. Sie heißen fortan Eumeniden, die Wohlmeinenden, und bekommen einen Platz unter der Erde zugewiesen, wo sie über das Wohl der Stadt wachen dürfen.

Abgeschafft wurden sie nicht. Man hat ihnen den Rang genommen und den Auftrag gelassen.

Meine eigene Zunft hat es übrigens wiederholt, und zwar erst vor kurzem. 1801 wird Ceres entdeckt, dann Pallas, Juno, Vesta. Vier Himmelskörper, alle weiblich benannt. Die Astrologie hat sie rund hundertsiebzig Jahre lang ignoriert, nicht widerlegt, sondern ignoriert. Erst 1973 hat Eleanor Bach die erste Ephemeride der vier veröffentlicht. Die Themen, die damit zurück in die Deutung kamen, waren Nahrung und der Verlust eines Kindes, Strategie und Intelligenz, Bindung und Ungleichgewicht, Hingabe und der eigene Herd.

Diese Funktionen waren die ganze Zeit unterwegs. Sie standen nur in keinem Buch.

Vakanz

In jeder Organisation gibt es eine Stelle, die seit Jahren unbesetzt ist. Sie steht im Organigramm, sie hat eine Beschreibung, es gab einmal jemanden, der sie innehatte. Ausgeschrieben wird sie nicht, weil das Geld anderweitig verplant wurde und weil es ja irgendwie läuft.

Es läuft, weil die Aufgaben nicht verschwinden, wenn man die Stelle streicht. Sie verteilen sich, und zwar auf die Gewissenhafteste. Nach zwei Jahren ist diese Person permanent überlastet und weiß nicht warum. In den Jahresgesprächen wird ihr gesagt, dass sie unglaublich wichtig für das Team ist. Eine Beförderung kommt nicht, weil es keine Position gibt, auf die man sie befördern könnte. Irgendwann erinnert sich niemand mehr daran, dass diese Stelle je existiert hat, und die Arbeit sieht aus wie ein Charakterzug.

Deine Familie ist so eine Organisation.

Was du spürst, ist deshalb keine Leere in dir. Es ist eine Vakanz. Und eine Vakanz fühlt sich so eigenartig unbestimmt an, weil man eine unbesetzte Stelle nicht vermissen kann wie einen Menschen. Es gibt kein Gesicht dazu. Man merkt nur, dass etwas dauerhaft nicht erledigt wird, wofür eigentlich jemand zuständig wäre, und man macht es selbst, ohne je den Eindruck zu haben, fertig zu sein.

Was davon übrigbleibt

Für ein Leben, das in der Schattenwirtschaft eines Familiensystems verbraucht wurde, gibt es keine Beerdigung.

Es ist niemand gestorben. Es gibt kein Datum, keine Karte, keinen Anlass, an dem jemand sagen würde, das tut mir leid. Trotzdem trauerst du, und weil der Gegenstand fehlt, hört es nicht auf.

Ich nenne das Phantomtrauer. Ein amputiertes Bein schmerzt weiter, weil das Nervensystem die Karte des Gliedes behält. Der Körper weiß etwas, das die Realität widerlegt. Ein Leben, das nie gelebt wurde, verhält sich genauso.

Und weil in der Statistik nichts davon vorkommt, gibt es dich in dieser Hinsicht gar nicht. Was nicht gezählt wird, wird auch nicht betrauert.

Es steht dir zu

Ich habe in der Therapie viele kluge Sätze gehört. Gebracht hat mir am Ende ein einziger etwas, und er war der einfachste von allen.

Es steht dir zu, geliebt zu werden.

Vielleicht konnte deine Mutter es nicht. Vielleicht lag es an den Umständen, an ihrer eigenen Mutter, an dem Land, aus dem sie kam, an dem Leben, das sie hatte. Das ändert nichts daran, dass es dir zusteht.

Mir ist erst Jahre später aufgefallen, was für ein Satz das grammatikalisch ist. Zustehen ist ein Wort aus dem Recht. Man verwendet es für Ansprüche, für Erbteile, für Löhne. Es gehört in eine Kanzlei und nicht in einen Therapieraum, und trotzdem war es genau das Wort, das gestimmt hat.

Es steht dir zu. Weder verdient noch erarbeitet. Es steht dir zu, weil es dir zusteht.

Dieselbe Grammatik gilt für alles andere hier. Für die Arbeit, die nie verbucht wurde. Für den Rang, der gestrichen und nie zurückgegeben wurde. Für das Leben, das dabei draufgegangen ist.

Und ein Anspruch verjährt nicht dadurch, dass ihn zweitausend Jahre lang niemand geltend gemacht hat.

Was fehlt

Zurück zum Anfang. Es gab keine Anklage, also gibt es keinen Freispruch. Kein Gericht wird jemals feststellen, dass deine Arbeit Arbeit war. Es gibt kein Verfahren dafür, keine Instanz und keine Frist.

Was fehlt, ist die İade-i itibar. Die förmliche Wiederherstellung, die im türkischen Recht existiert und im europäischen nicht vorgesehen ist.

Sie besteht aus vier Feststellungen. Was du tatsächlich leistest. Seit wann. Wer die Zuständigkeit vor dir hatte. Und wer sie dir abgesprochen hat.

In der Astrologie ist das kein Gefühl, sondern eine Aktenlage. Das Geburtshoroskop zeigt eine Zuständigkeit, die bestand, bevor du mitreden konntest. Das ist der Grund, warum ich damit arbeite und nicht mit Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis erklärt dir, wie es dir passiert ist. Ein Befund sagt dir, was dir zusteht.

Was danach passiert, sehe ich bei fast jeder gleich. Das Suchen hört auf. Sie sucht nicht mehr nach dem, was ihr fehlt, sondern fängt an, zurückzufordern, was ihr genommen wurde. Deutlich unbequemer für alle anderen und sehr viel angenehmer für sie selbst.

Und noch etwas ändert sich, und das ist der eigentliche Grund, warum ich diesen Text geschrieben habe. Eine Vakanz, die niemand benennt, wird vererbt. Deine Tochter übernimmt die Stelle so, wie du sie von deiner Mutter übernommen hast, ohne dass jemand etwas sagen müsste. Unbenannte Arbeit wird weitergegeben, benannte Arbeit kann verhandelt werden.

Der Begriff karmische Schwarzarbeit darf von jeder benutzt werden, die ihn gebrauchen kann. Von Therapeutinnen, Beraterinnen, Autorinnen, und von jeder Frau, die ihrer Schwester endlich erklären will, was mit ihr los ist. Er gehört niemandem.

Die Arbeit, um die es geht, gehört dir.

Ich bin Karma Astrologin und lese seit neun Jahren Geburtshoroskope, über dreitausend inzwischen. Mein Buch dazu heißt „Karma ist weiblich".

[→ 1:1 Karma Beratung anfragen]